Magersucht.

Keuchend lief die Frau die Straße entlang. Es war eisig kalt, aber man konnte ihre kleinen Atemwölkchen im Dunkeln kaum wahrnehmen. Ihre großen, vor Entsetzen geweiteten schönen Augen huschten die Straße entlang, über ihre schmalen Schultern und wieder nach vorn. Schon immer lief sie. Weiter. Immer weiter. Damals getrieben vom Wahn- jetzt von der dunklen Gestalt, die nun auf sie lauert, irgendwo, das wusste sie.

Plötzlich ein stechender Schmerz, irgendwo dort, wo ihr Bauch sein sollte. Sie sah auf ihren Körper hinab, er löste sich auf. Sie sah auf ihre Hände, auch sie wurden blasser und durchscheinender.

„Nein“, schrie sie.

Sie brach zusammen, lächelte und weinte dabei bittere Tränen.

Ihr Körper wurde durchscheinender. Unwiderruflich. Sie wusste es- sie wollte es so.

Dennoch kämpfte sie sich auf ihre fast verschwundenen Beine, lief weiter, immer weiter. Sie konnte nicht anders, sie musste.

Vor ihren Augen tanzten Lichter. Bunte Schilder erleuchteten die belebte Straße. Es war ihr Ziel. Es war immer ihr Ziel gewesen.

Wieder ein Stechen. Diesmal stärker und unnachgiebiger.

Gleichzeitig spürte sie, wie etwas in ihr aufstieg.

Von ihrer Brust ausgehend über ihren dünnen Hals wandernd, über ihre hohlen Wangenknochen, ihre tiefliegenden Augen und über ihre Stirn hinaus.

Sie versuchte es noch zu fassen, schrie, flehte, hoffte, dankte, aber ihre Hände waren verschwunden.

Sie lag auf dem Boden, ihre schönen Augen ins Leere starrend.

28.11.10 21:07

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen